Samstag, 2. Juni 2012

Rätsel zur "Herkunft von Redewendungen" mit Sven und Tomas am 02. Juni 2012























Zum Thema gab es allerhand „auf die Ohren“:

- Es geht einem etwas durch die Lappen
Ein Ausspruch der Jäger, der im 18ten Jahrhundert in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Früher gab es Treibjagden, bei denen häufig Bettlaken und andere Stoffe (im weitesten Sinne Lappen) zwischen Bäumen aufgehängt wurden, um das Wild bei der Flucht zu behindern. Zuweilen schafften es Tiere, durch diese Lappen hindurchzubrechen.
Katrin war klar, dass man enttäuscht ist, wenn der Führerschein weg ist.

- jemanden die Leviten lesen (in der Regel bekommt man sie gelesen)
Vom israelischen Stamm der Leviten. Im dritten Buch Mose (Leviticus) sind alle Regeln und Vorschriften festgehalten, u.a auch Strafandrohungen. Daher spricht man bei einer Strafpredikt davon.

- den Löffel abgeben
Der Meistah wußte, dass man früher viel mit dem Löffel aß (weil es selten Fleisch, dafür aber viel Brei gab). Die kostbareren Löffel wurden vererbt. Wenn man stirbt, wird der Löffel ab(weiter-)gegeben.

- jemanden zur Minna machen
Wird gebracht, wenn man sehr streng mit jemanden umgeht. Wilhelmine war ein berühmter Mädchenname im Kaiserreich (Wilhelm II). Die Kurzform davon ist Minna. Die Dienstmädchen wurden der Einfachheit halber in besseren Kreisen so genannt. Dieser abgekürzte Name wird daher verwendet, wenn man jemand degradiert (von der Chefin zur Dienstbotin).

- Mauerblümchen
Es wächst in der Ritze der Mauer oder zwischen den Steinen in Garagenhöfen etc. und nicht wie vorgesehen im angelegten Beet. Dabei handelt e sich um ein schönes, aber vereinzeltes Wesen, das im Verborgenen blüht.

- Milchmädchenrechnung
Geht zurück auf eine Fabel aus dem 17ten Jahrhundert, in der die Bauernmagd mit dem Topf Milch stolperte, weil sie sich auf dem Weg zum Markt schon ausrechnete, was sie sich von dem Erlös alles kaufen könnte. Dabei verschüttete sie so viel Milch, dass der erwartete Ertrag bei der Abrechnung nicht aufging.
Andere meinen, dass die Redewendung seinen Ursprung von den eigenwilligen Rechenmethoden der Berliner Milchmädchen hat, die den Preis sehr umständlich mit den Fingern beider Hände berechneten (und evtl. das Datum mit einrechneten).

- Mumpitz
Schreckgespenst, das in erster Linie als Vogelscheuche eingesetzt wurde.
Den vermummten Kobold nannte man Mom, ein Botz ist verwandt mit Gott (damit waren allerdings heidnische Götter gemeint, die bis weit ins Mittelalter als Gespenster in den Vorstellungen der Menschen ihr Unwesen trieben). Aus diesem Zusammenhang stammt auch das Wort „Butzemann“ (Kinderschreck) oder „Mummelputz“ (Vogelscheuche). Mumpitz wurde im 19. Jahrhundert in Berliner Börsenkreisen als Ausdruck für Gerüchte aller Art bzw. Schwindeln und Unsinn verwandt.

- Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts
1854 tötete ein Student in Heidelberg einen Gegner im Duell. Auf seiner Flucht nach Frankreich wurde er in Straßburg gefasst, wo man bei ihm den Studentenausweis eines „Victor von Hase“ fand (der Ausweis wurde ihm von seinem befreundeten Kommilitonen gegeben). Der echte „Victor von Hase“ beteuerte bei der Gerichtsverhandlung seine Unschuld mit diesen legendären Worten.

- Etwas brennt auf (oder unter) den Nägeln
Wird gern gesagt, wenn etwas sehr eilig ist. Stammt von einer Foltermethode; die Betroffenen wünschten sich wohl nichts Sehnlicheres, als dass diese Traktur baldmöglichst zu Ende ist.

Sehr chillige Kaffeepause mit Inner City Live von re:jazz

- Ach Du grüne Neune
Stammt von einem Kartenspiel (bei den deutschen Karten nennt man die Pik 9 die grüne 9, Pik ist Gras). Die grüne 9 gilt als schwache Karte, mit der man nichts erreichen kann bzw. alles verliert.
Als weitere Erklärung wird auch der Name „Grüne Neune“ für das satirische Wallner-Theater in Berlin verwandt.

- Nesthäkchen
Helmut wusste, dass mit Häkchen der kleine Schnabel eines jungen Vogels gemeint ist.
Wird für das - meist von allen umhätschelte - letztgeborene Kind genutzt, das gegenüber seinen Geschwistern Freiheiten genießt, die von den anderen erkämpft wurden.

- Nachhaltigkeit
Tomas erklärte auf Svens einleitende Frage „was verstehst Du unter Nachhaltigkeit“ völlig richtig: „Kommt aus dem forstwirtschaftlichen Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als nachwachsen kann.“ Der Ursprung dieses Begriffes war ihm völlig klar und er erwartete, dass zum Thema Nachhaltigkeit eine weitere Frage gestellt wird. Dabei hatte er die Lösung gerade vollständig erklärt.

- jemand hat Oberwasser
Der Müller war überlegen, wenn bei ihm das Wasser von oben auf das Mühlenrad traf. Denn dies ist effektiver als Wasser von unten, wo alleine die Strömung das Mühlrad bewegt.

- die Ohren steif halten
Aus der Jägersprache. Die Tiere erkennen Gefahr, indem sie die Ohren steif/auf-halten, um dadurch besser zu hören.

- Etwas hinter die Ohren schreiben
Bei der Festlegung von Grenzverläufen war häufig die ganze Familie zugegen. Damit die Kinder auch nach dem Tod der Eltern noch wussten, wo die Grenze verlief, haben sie mit „Ohrfeigen“ den Kindern diesen Rechtsgrundsatz hinter die Ohren geschrieben.

11 Uhr Halbzeit mit µ-ziq von Grape Nut Beats Part I

- Es faustdick hinter den Ohren haben
Im Mittelalter glaubte man, dass es kleine Dämonen gab, die sich hinter die Ohren setzten. Wenn jemand besonders "verschlagen" war, hatte er vor lauter Dämonen Wülste hinter den Ohren (auch "den Schalk im Nacken").

- jemanden über’s Ohr hauen
Aus dem Fechtsport. Der Schlag über dem Ohr tut besonders weh und ist daher vom Degenfechter sehr unfein (aber regelkonform). Im heutigen Fechtsport hat man deshalb auch eine Maske auf. Tomas, Fechter in jungen Jahren, gab detaillierte und fundiert Auskunft.

- Ohrwurm
Die Zangen des gleichnamigen Insekts (auch Ohrenkneifer) sind für die Menschen völlig ungefährlich, da sie damit das menschliche Trommelfell nicht zerschneiden können.
Wie singen die Wise Guys „Weil ich in deinen Ohren steck geh ich nie mehr weg. Ich bin zwar nicht grad virtuos, doch du wirst mich nie mehr los. Ich bin ziemlich penetrant, sonst wär ich nicht so bekannt.“

- Otto Normalverbraucher
Der Begriff stammt aus der Nachkriegszeit: Dem Normalverbraucher wurde keine großzügigere Bemessung von Lebensmittelkarten gewährt (im Gegenteil zu Schwerstarbeitern, Schwangeren und Kriegsversehrten). Gert Fröbe spielte im Film Berliner Ballade (1948) den verhärmten - aber nicht verletzten -  Wehrmachtssoldaten Otto, der nach Berlin zurückkehrte und nur über die Lebensmittelkarte für „Normalverbraucher“ verfügte. Von der Leinwand aus ging dieser Name in die Umgangssprache ein.
Wissen macht AH!!!
Der Bruder des Durchschnittsverbrauchers wird in Deutschland Max Mustermann genannt, und Lieschen Müller ist die Schwester (aber auch Manuela Mustermann und Hinz und Kunz). In anderen Ländern werden „Massennamen“ als Bezeichnung für den Durchschnittsbürger verwandt: Marko Marković (Balkan), Juan Pérez (in spanisch-sprachigen Staaten), Mario Rossi (Italien), John Doe (USA).

- stolz wie Oskar
Im jiddischen heißt frech ossik, das über die Form ossoker zum sprichwörtlichen Oskar geworden sein könnte. Ein unbescheidener Mensch wird bei uns deshalb Oskar genannt.

- Der ist nicht aus Pappe
Wird verwendet für „der ist besonders stark/widerstandsfähig“. Papp war das Lallwort für Kinderbrei. Wer aus dem Alter des Kinderbrei-Essens heraus war, galt bereits als kräftiger.

- Ich kenne meine Pappenheimer
Aus Schillers Drama „Wallensteins Tod“. Mit dem Ausspruch "daran erkenne ich meine Pappenheimer" wurde das Pappenheimer Regiment bezeichnet. Pappenheim liegt in der Nähe von Nürnberg.

Pause mit “Wishing - If I had a photograph of you” von “A Flock of Seagulls

- picobello
Kommt nicht vom lateinischen Klein (pico), sondern ist eine „italienisierte Kombination“ von piekfein (tadellos) aus dem niederdeutschen pük (ausgesucht) und dem italienischen bello (schön). Schon klar, dass viele Hundesalons "Picobello" heißen.

- von der Pike auf gelernt
Die alte Stechwaffe war die erste Lernlektion des Kämpfers oder wie Sven es audrückte "der Entry Level für den Landsknecht war die Pike" (Stangenwaffe der Fußsoldaten).

- zu Potte kommen
Früher gab es keine Toiletten in den Wohnungen. Dafür aber unter dem Bett die Nacht-Töpfe, damit man bei einem Bedürfnis nicht aufwendig und geräuschvoll aus dem Haus musste, sondern schnell wieder einschlafen konnte und die mit im Zimmer Schlafenden möglichst nicht weckte. Auch die Kinder wurden am Ende des Abends auf den Pißtopf gesetzt, damit Nachtruhe herrschte.

- geh doch dahin, wo der Pfeffer wächst
Sagten die Deutschen, wenn sie jemanden nach Indien (oder andere weit entfernte Länder, in denen Pfeffer wächst) wünschten

- Peterwagen
Es ist der Name für den Funkstreifenwagen. Ben meinte zu Recht, dass er besser „Davidswagen“ genannt werden sollte aufgrund der Hamburger Davids(Polizei)-Wache.
In Hamburg wurde der Name "Peter" in Anlehnung an die alte Schiffssignalflagge "Blauer Peter" ausgesucht, weil diese Flagge zu sehen war, wenn das Schiff auslaufen wollte und alle Seeleute an Bord  gehen mussten.

- der ungehobelte Proll
Das Untervolk der Römer (Proles, die Nachkommenschaft). Proletarier waren arm und nicht gebildet. Wiki hat es gut beschrieben: „Der Begriff „Prolet“ und insbesondere der Begriff „Proll“ sind eher unscharf und entfernen sich in der Benutzung teilweise erheblich von der Bezeichnung einer gesellschaftlichen Gruppe im soziologischen Sinne (Schicht, Klasse, Milieu); sie assoziieren (anstelle ökonomischer Ungleichheit) meist eher kulturelle Wertungen im Sinne von derb, vulgär, nicht kultiviert, ungebildet oder sogar barbarisch oder kulturlos, manchmal auch in Abgrenzung zu intellektuell.“

Die Hörer hatten - ebenso wie der Meistah - durchhaus unterhaltsame und witzige Assoziationen.

Und diese Punkte wurden erlangt:

  1. @LaLeLu2007/Thorsten: 29
  2. Ben: 17
  3. Dagi: 11
  4. Frank/Sindlingen: 8
    Katrin: 8
  5. Matthias/HG: 5
  6. Ivo: 4
  7. Tomas: 3 (vorlaute)
  8. @Ubiqitäres Genuschel: 1
    Helmut: 1
  9. Koffi: 0


Und damit übergeben wir uns für heute - nachdem wir uns ein paar Stunden auf's Ohr gehauen haben - an die Party im Tanzhaus West (ab 22 Uhr) anlässlich 14,7 Jahre radio X.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

....eigentlich wollte ich ja gestern einsteigen in Eure wirklich "etwas andere" Radiorätselsendung und mitraten, aber Tomas ohne H hat mich eingeschüchtert.... Bin wohl zu sensibel für sein "hartes ungerechtes" Leben ;-) Er war mir jedenfalls zu grob zu seinen Anrufern und da hat mich der Mut verlassen...
Trotzdem toll die Sendung und vor allen Dingen das Protokoll von Dagi, da kann man sich immer wieder schlau machen !

Dagmar Stenzel hat gesagt…

Hallo Anonym :-)

Danke für das Chronisten-Lob!
Der rauhe Ton des Meistahs bezieht sich in der Regel nur auf Stammhörer. Und dafür gibt es zuweilen gute Gründe.
Ansonsten gehört er zu der Gattung der Argentinosaurus: Ein Riesentier, das total friedlich war.
Trau Dich einfach und "gib Laut" per Twitter oder Stimme.

Lalelu2007de hat gesagt…

lieber anonym,

der rauhe ton muß leider manchmal sein, sonst artet das geschwafel doch zu sehr aus ;-)

also los, trau dich ruhig